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Warum wählen die Italiener Berlusconi?



Seit Wochen ist Italiens Ministerpräsident erklärter Liebling der Presse: seine Sexskandale liefern täglich Material; einmal brachte es Italiens fűhrende Tageszeitung La Repubblica auf acht Seiten Rubygate in einer einzigen Ausgabe.

Berlusconi ist ein Phänomen. Bislang 22 Prozesse, die von Steuerhinterziehung bis zu Mafiakontakten reichen, perlten an ihm ab. Italiens beste Anwälte, die Minister seiner Koalition und die Abgeordneten seiner Parlamentsmehrheiten schűtzen ihn wie ein Umhang aus Teflon. Er selbst hat fűr die Justiz nur Schimpfkanonaden und Spott űbrig; er ist sich sicher, dass sein Volk ihm alles verzeihen und ihn jederzeit wieder wählen wird.

Die New York Times veranstaltete unlängst ein Online-Quiz zu der Frage: warum wählen die Italiener diesen Mann?

Tja, warum?

Es lohnt sich, den durchschnittlichen Italiener anzuschauen. Eine Untersuchung des Italienischen Amtes fűr Statistik ISTAT zeigt, dass der Durchschnitts-Italiener eine Frau von 43 Jahren ist, eher wenig gebildet, sieht viel fern, liest drei Bűcher im Jahr und wohnt im nördlichen Mittelitalien.

Eine andere Untersuchung ermittelte, wie die Italiener auf Berlusconis Sexkapaden reagieren. Sechzehn Prozent bewundern ihn. Rund fűnfunddreissig Prozent sehen das Verhalten kritisch, weitere dreissig Prozent sind weniger beunruhigt. Unter den Frauen sind die mittleren Alters am kritischsten eingestellt, während junge und alte Frauen die Affären eher tolerant sehen.

Dies alles sagt eine Menge űber Italiens Gesellschaft und ihre Traditionen aus. Aber es erklärt nur teilweise, warum Berlusconi immernoch auf Mehrheiten rechnen kann.

Fraglos profitiert er von seiner enormen Macht in den Medien, nicht nur im Fernsehen. Ebenso kommt ihm zugute, dass die Opposition zerrissen und abgenutzt ist, und keinen halbwegs űberzeugenden Kandidaten aufbieten kann.

Doch Berlusconis eigentliche Stärke entfaltet sich in zwei gegensätzlich orientierten Regionen des Landes: im Norden und im Sűden. Im Zentrum jedoch, in Latium mit der Hauptstadt Rom, in Umbrien, den Abruzzen und teilweise auch der Toskana, ist er relativ schwach.

Norditalien

Der Norden sieht in Berlusconi seinen Vorkämpfer. Er hat Stallgeruch in Mailand. Das genűgt, denn der Norden mobilisiert auch noch die letzte Oma fűr den Wahlgang wenn es gilt, die Herrschaft űber Italien zu verteidigen. Die Norditaliener fűrchten nichts so sehr, wie einen Wahlsieg der verhassten Sűdländer, die im Dialekt terroni heissen, Erdfresser. Noch haben die Nordleute nicht verwunden, dass es Berlusconis Vorgänger, Romano Prodi, gelungen war, ihnen mit knapper Mehrheit die Macht vorűbergehend zu entwinden. Das darf nie wieder passieren, nach Meinung des Nordens. Dabei, kurioses Detail, ist Prodi keineswegs ein Sűdländer. Er stammt aus Bologna.

Norditaliener verstehen sich als den Mitteleuropäern ähnlich in Charakter, Tűchtigkeit und Wohlstand. Sie fűrchten, dass die Sűdländer ihnen den Reichtum wegnehmen und umverteilen wűrden. Ihre starke Regionalpartei, die Nordliga, ist Berlusconis verlässlichster Regierungspartner.

Ob Sexabenteuer bekannt werden, gegen die ein paar hunderttausend Damen auf der Strasse demonstrieren, ob die Verfassung geändert wird oder Mafiakontakte ans Licht kommen: das alles wiegt wenig, wenn es um die Macht und den Lebensstil des Nordens geht.

Mezzogiorno

Ganz anders die Rolle von Berlusconi im Sűden Italiens. Die kriminellen Gesellschaften, die einen grossen Teil des Sűdens unter Kontrolle haben und mancherorts den Staat ersetzen, waren ursprűnglich in zwei politischen Richtungen organisiert. Ein Teil arbeitete eng mit der alten christdemokratischen Partei zusammen, die im Tausch gegen Stimmen gesuchte Bosse nicht finden liess und Mafia-Interessen in Rom vertrat. Ein anderer Teil der organisierten Kriminalität empfand sich sozialrevolutionär und sympathisierte mit den Kommunisten.

Als die alten Parteien in einem Korruptionsskandal untergingen und Berlusconi auf der politischen Bűhne auftauchte, änderte sich das Bild, wie ein reuiger Camorra-Häftling erläutert. Alle Geheimbűnde strömten nun zu Berlusconi, denn sein Konzept war verfűhrerisch: „Er ermunterte uns, Geld zu machen, und er räumte uns institutionelle Hindernisse aus dem Weg“.

Die jahrelange Demontage der Justiz durch Berlusconi und jűngst seine Forderung zur Abschaffung der Telefonűberwachung sind ein unglaubliches Geschenk fűr die organisierte Kriminalität des Sűdens. Kein Wunder, dass sie mit allen Mitteln der Wählerbeeinflussung, mitunter sogar mit versteckten Kameras in den Wahlzellen, dafűr sorgt, dass die Partei des Ministerpräsidenten satte Mehrheiten einfährt. Auch hier gelten die Sexkapaden und Prozessprobleme Berlusconis als lässliche Sűnden. Ausserdem hat eine mit Budgetdefiziten finanzierte Sozialpolitik frűherer Berlusconi-Regierungen viele Pensionäre im armen Sűden besser gestellt und eine Welle der Dankbarkeit erzeugt.

Furcht vor dem Kollaps

So sicher die Macht des Medienmoduls in seinen Bastionen in Nord und Sűd begrűndet erscheint, wäre es doch falsch, die Auswirkungen der Skandalserie ganz zu ignorieren. Die jűngste Umfrage ergab, dass Berlusconis Beliebtheitsgrad in ganz Italien auf dreissig Prozent gesunken ist, den niedrigsten Stand seit langem. Freilich muss man auch immer fragen, wer die Umfrage in Auftrag gegeben hat; in diesem Fall die Zeitung La Repubblica, eine Erzfeindin des Premierministers.

Er sträubt sich gegen Neuwahlen, denn seine jetzigen Mehrheiten im Parlament sind űberaus bequem und schűtzen ihn vor dem Eifer der Staatsanwälte. Wohl auch er ahnt, dass er zwar die Wahl gewinnen, solche Mehrheiten aber nicht mehr erzielen wűrde.

Beide Teile – der Regierungschef und seine Stammwähler im Norden – stellen bei näherer Betrachtung nicht dar, was sie zu sein vorgeben. Die stolzen Nordländer sind keineswegs den Schweizern so ähnlich, wie sie glauben möchten. Obwohl tűchtig in Wirtschaft und Technik, sind sie doch vor allem normale Italiener mit einem natűrlichen Hang, Steuern zu hinterziehen, Gesetze zu umgehen und sich legitim und illegitim Vorteile zu verschaffen. Mailand ist nicht Genf, und die kriminellen Gesellschaften des Sűdens sind inzwischen űberall im Norden präsent. Mailands Skandale sind zwar nicht mit denen Neapels zu vergleichen, eher mit Rom; jedenfalls spielen auch sie in der ersten Skandal-Liga Italiens.

Sűdtirol sieht anders aus, obwohl dort auch ein Viertel der Bevölkerung eingewanderte Italiener und ihre Nachkömmlinge sind. Immerhin ist das Steueraufkommen Sűdtirols pro Kopf seiner Bevölkerung mit 8500 Euro dreieinhalb mal so hoch wie der Durchschnitt Italiens.

Berlusconi freilich, der Welt-Staatsmann, der nach eigenen Worten beste Ministerpräsident, den Italien je hatte, ist zwar Milliardär, doch ein armer Tropf. An Realitätsferne ähnelt er seinem Freund Mubarak von Ägypten. Er leidet an ausgeprägter Paranoia und kann sich von den Gespenstern einer längst versunkenen Epoche – den Kommunisten – nicht trennen. Seine narzisstische Krankheit, die sich in egomanischem Geltungsdrang manifestiert, kann in jedem Lehrbuch der Psychiatrie nachgelesen werden, ebenso wie sein darauf grűndender rastloser Fleiss und die Weigerung, sein biologisches Alter zu akzeptieren. Ein Krankheitsbild, das dringend nach psychiatrischer Hilfe ruft.

Berlusconi kämpft verzweifelt gegen seine echten und seine eingebildeten Feinde. Man kann erwarten, dass der Verlust der politischen Macht zu seinem psychischen und juristischen Kollaps fűhren wird. Das könnte zwar manchen alten Feind befriedigen, Italien aber nicht mehr helfen.

Ein Grossreinemachen nach dem Ende der Ära Berlusconi dűrfte genauso folgenlos bleiben wie Amerikas nicht vollzogene Abrechnung mit George W. Bush.

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—— T.C. Sempronius